Seit Sonntag letzter Woche ist Sebastian Kehl nicht mehr Sportdirektor bei Borussia Dortmund, hat man seinen Nachfolger Nils-Ole Book bereits installiert. Die WAZ kommt beim Versuch, eine Bilanz von Kehls Arbeit zu ziehen, zu einem „ambivalenten Bild“.
„Kontrovers und kompliziert“ sei es, eine solche Bilanz zu erstellen. Der nicht zu leugnende Hype um Book als Heilsbringer, der dem BVB endlich wieder Titel verschaffen werde, erzeuge den „unfairen“ Eindruck, Sebastian Kehl sei allein Schuld an deren Ausbleiben in den letzten Jahren. Dabei stehe der BVB momentan alles andere als vor einem sportlichen Scherbenhaufen. Das Risiko, Book auf seiner erst zweiten Station nun die Kaderentwicklung von Borussia Dortmund zu überantworten, sei zudem keineswegs gering.
Aktuell spielten die Westfalen ihre beste Saison in der Bundesliga seit Jahren. Genauso sprächen das frühe Ausscheiden in beiden weiteren Wettbewerben nicht für Kehl, eine Ambivalenz, die für seine gesamte Amtszeit gelte. Welche als Sportdirektor 2022 begonnen hatte, als Kehl Nachfolger von Michael Zorc wurde. „Mit großer Hingabe“ habe sich Kehl seiner neuen Aufgabe gewidmet. Und unter Kehl war man auch zweimal sehr nah dran an großen Titeln: Beim CL-Finale 2024 und bei der am letzten Spieltag im eigenen Stadion verspielten Deutschen Meisterschaft 2023.

„Gute bis sehr gute Treffer“ unter Kehls Transfers
Genauso gehört aber auch ein lange nicht gelöstes Sturmproblem zu Kehls Amtszeit. Der 30-Millionen-Einkauf Sebastien Haller erkrankte an Hodenkrebs, sein kurzfristig organisierter Ersatz Anthony Modeste entpuppte sich als Flop. Mit Youssoufa Moukoko wurde erst für teures Geld verlängert, anschließend blieb seine erhoffte Entwicklung aus. Niclas Füllkrug schlug sich besser, blieb aber nur eine Saison. Erst Serhou Guirassy, vor zwei Jahren zum BVB geholt, füllte seine Aufgabe wie erwünscht aus.
Ebenfalls als Flop muss Niklas Süle betrachtet werden, zumindest wenn man sein exorbitantes Gehalt von 14 Millionen Euro berücksichtigt. Auch er war ein Teil der Gründe, wieso der Kaderwert des BVB in den letzten Jahren um 113 Millionen Euro sank, obwohl die gehandelten Summen im Fußball allgemein steigen.
Einen Transferüberschuss zu erwirtschaften, gelang Sebastian Kehl auch nicht und der eine Unterschiedsspieler war auch nicht unter seinen Verpflichtungen. Was möglicherweise daran lag, dass Kehl, der intern den Stichelnamen „Mr. Maybe“ erhalten haben soll, einige sehr sinnvolle gewesene Transfers nicht gelangen, wie von Dean Huijsen, Rayan Cherki oder Ethan Nwaneri.
Andererseits seien Gregor Kobel, Nico Schlotterbeck, Felix Nmecha und Julian Ryerson „gute bis sehr gute Treffer“ gewesen, die dem BVB auch nach Kehls Zeit viel Qualität geben. Dann gab es aber auch die vielen zwischenmenschlichen Reibereien mit Kehls Beteiligung, sei es mit Edin Terzic oder mit Sven Mislintat.
Es bleibe also das eingangs erwähnte „ambivalente“ Bild, das die Ära Kehl hinterlasse. Und offen bleibe naturgemäß, ob unter Book nun alles besser werde beim BVB.

